Wenn Spiel zum Konflikt wird

Zwei Menschen sind bei mir im Training.

Beide Hunde reagieren an der Leine aufeinander.

Kein ungewöhnlicher Fall.

Wir arbeiten an Abstand. An Orientierung. An Situationen, die für beide Hunde bewältigbar bleiben.

Mit der Zeit wird es besser.

Die Hunde können sich sehen, ohne sofort zu eskalieren.

Die Menschen werden sicherer. Die Aufregung nimmt ab.

Einige Tage später stehen beide wieder auf dem Trainingsplatz. Sie wirken niedergeschlagen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich frage nach.

Die Antwort kommt schnell: Sie hatten sich außerhalb des Trainings verabredet. Ein gemeinsamer Spaziergang. Eigentlich eine gute Idee. Schließlich hatten die Hunde in den letzten Wochen Fortschritte gemacht.

Also wurden die Leinen gelöst. Die Hunde liefen miteinander. Sie rannten. Sie jagten sich. Sie waren ständig in Bewegung.

Für die Menschen sah es gut aus: „Die haben sogar gespielt.“

Als der Spaziergang zu Ende ging, wurden die Hunde wieder angeleint. Man wollte noch ein Stück gemeinsam laufen.

Und genau dort eskalierte die Situation.

Bellen.

Fixieren.

In die Leine springen.

Massiver Druck nach vorne.

Die Enttäuschung war groß.

Schließlich hatte doch alles so gut ausgesehen.

Oder vielleicht doch nicht?

 

Die entscheidende Frage

Viele Menschen suchen die Ursache solcher Situationen genau dort, wo das Problem sichtbar wird.

An der Leine.

Beim Vorbeilaufen.

Im Moment der Eskalation.

Mich interessierte etwas anderes.

Was war eigentlich in den Minuten davor passiert?

Denn zwischen dem Satz

„Die haben schön gespielt.“ und dem Satz „Plötzlich ist alles eskaliert.“

liegt oft die eigentliche Geschichte.

Die Herausforderung beginnt dabei häufig schon mit einem Begriff.

Spiel.

Wir verwenden dieses Wort erstaunlich schnell.

Zwei Hunde rennen miteinander? Spiel.

Zwei Hunde jagen sich? Spiel.

Zwei Hunde sind laut, schnell und ständig in Bewegung? Spiel.

Doch Verhalten wird nicht dadurch zu Spiel, dass wir es so nennen.

 

Woran wir echtes Spiel erkennen

Spiel besitzt einige Merkmale, die erstaunlich konstant auftreten.

  • Die Rollen wechseln.
  • Mal jagt der eine, mal der andere.
  • Beide Hunde können die Situation beeinflussen.
  • Es entstehen Pausen.
  • Es gibt Momente der Unterbrechung.
  • Distanz darf hergestellt werden.
  • Keiner der Hunde steht dauerhaft unter Druck.
  • Vor allem aber bleibt eine gewisse Leichtigkeit erhalten.
  • Der soziale Kontakt wird immer wieder neu angeboten und angenommen. Nicht erzwungen. Nicht eingefordert. Nicht festgehalten.

Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Denn nicht jede gemeinsame Aktivität erfüllt diese Kriterien.

 

Wenn gemeinsame Erregung wie Spiel aussieht

Viele Hunde bewegen sich gemeinsam.

Aber nicht unbedingt miteinander.

Sie rennen.

Sie beschleunigen sich gegenseitig.

Sie reagieren auf die Bewegungen des anderen.

Die Geschwindigkeit nimmt zu.

Die Körperspannung steigt.

Die Erregung steigt.

Von außen wirkt das oft lebendig und harmonisch.

Tatsächlich kann das Nervensystem beider Hunde längst in einem Bereich arbeiten, der mit entspanntem Spiel nur noch wenig zu tun hat.

Für Menschen ist dieser Unterschied häufig schwer zu erkennen.

Denn hohe Aktivität wird schnell mit positiver Stimmung gleichgesetzt.

Dabei sagt Geschwindigkeit zunächst nur aus, dass Geschwindigkeit vorhanden ist.

Nicht mehr. Nicht weniger.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

„Haben die Hunde miteinander interagiert?“

Sondern:

„Wie haben sie miteinander interagiert?“

 

Manchmal zeigt sich der Konflikt erst später

Ein Hund muss einen Konflikt nicht unmittelbar zeigen.

Er kann ihn auch mitnehmen.

Über Minuten.

Manchmal sogar deutlich länger.

Das macht solche Situationen für Hundehalter oft so verwirrend.

Die Hunde laufen frei.

Es passiert scheinbar nichts.

Alle sind zufrieden.

Erst später kommt die Reaktion.

Dabei wurde die Grundlage häufig schon deutlich früher gelegt.

Vielleicht war die Begegnung anstrengender als gedacht.

Vielleicht entstand sozialer Druck.

Vielleicht wurde aus gegenseitigem Hochfahren irgendwann Konkurrenz.

Vielleicht war einer der Hunde längst über seinem Wohlfühlbereich.

All das muss nicht sofort sichtbar werden.

Manchmal wird es erst in dem Moment deutlich, in dem die Situation enger wird und weniger Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Die Eskalation wirkt dann plötzlich.

Tatsächlich hat sie oft eine Vorgeschichte.

 

Die eigentliche Aufgabe eines Hundetrainers

Für angehende Hundetrainer liegt hier eine wichtige Erkenntnis.

Professionelle Verhaltensanalyse beginnt selten beim sichtbaren Problem.

Sie beginnt früher, deutlich früher.

Dort, wo andere bereits aufgehört haben zu beobachten.

Die Frage lautet nicht:

„Warum hat der Hund an der Leine gepöbelt?“

Die interessantere Frage lautet:

„Was ist vorher passiert?“

Wer lernt, diese Frage zu stellen, verändert seinen Blick auf Hundetraining.

Denn häufig beginnt die Lösung eines Problems genau an der Stelle, an der die meisten Menschen noch gar kein Problem erkennen.

 

 

 

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