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Systemisches Coaching und Hundetraining: Beobachten, Verstehen, Begleiten

Mein Weg zum systemischen Coaching

Je ruhiger wir schauen, desto mehr wird sichtbar.
Je ruhiger wir schauen, desto mehr wird sichtbar.

Vor einigen Jahren absolvierte ich die Ausbildung zum systemischen Coach. Schon zuvor hatte ich mich beruflich viel beschäftigt mit Fragen wie: Wie funktionieren Menschen in Teams? Wie wirke ich auf andere? Wie kann ich meine eigene Rolle klarer sehen? Ich wollte verstehen, wie Dynamiken entstehen und meine Perspektive erweitern.

 

Die Ausbildung war intensiv: Selbstlernphasen, Literatur, Übungen, Präsenzwochen mit Vorträgen, Gruppen- und Einzelarbeiten – und vor allem coachen, coachen, coachen. Mal selbst gecoacht werden, mal andere begleiten, mal als stiller Beobachter dabei sein. Ich durchlief Phasen von innerer Abwehr und Skepsis bis hin zu: „Was passiert da eigentlich gerade in mir?“

 

Die Gruppe war extrem heterogen: Menschen aus unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitswelten mit verschiedenen Coaching-Schwerpunkten trafen aufeinander. Nicht immer harmonisch – aber genau diese Mischung machte den Lerneffekt besonders stark.

 

Lernen, zurückzutreten und zuzuhören

Anfangs fiel es mir schwer, mich auf das Konzept einzulassen. Meine Business-Analysten-Brille war sofort da: „Hier kann man optimieren, dort eingreifen, schneller erklären… STOPP!“

 

Ich lernte, zurückzutreten. Nicht sofort Lösungen vorzuschreiben, sondern zu beobachten, ohne zu bewerten. Raum geben, zuhören, den Prozess begleiten. Systemisches Coaching bedeutet: Zuhören, Beobachten, Raum schaffen und Vertrauen in die eigenen Antworten des Coachees.

 

Übertragen auf Hundetraining

Und jetzt fragst du dich vielleicht: Was hat das mit Hundetraining zu tun?
Viel mehr, als man auf den ersten Blick denkt.

 

In der Ausbildung zum Hundetrainer lernen wir Theorie: Pawlow, Klonkide, Skinner, Watson, Bailey, die vier Quadranten, Anatomie, Genetik… Doch das, was erfolgreiche Hundetrainer wirklich auszeichnet, sieht man nur beim genauen Beobachten ohne Bewertung.

 

Ein Beispiel aus meinem Hundetrainer-Alltag:
Ich setze einen Hund einem Reiz aus und beobachte ihn. Ich weiß vom Training, dass er das schaffen kann, aber ich gebe ihm bewusst den Raum, einen Fehler zu machen und sich richtig zu entscheiden. Ich sage nichts, dränge nicht, sondern begleite still.

 

In genau diesem Raum passiert es: Der Hund entscheidet selbst, wägt ab, trifft seine Wahl und ich lerne gleichzeitig, wie meine eigene Haltung, Aufmerksamkeit und Energie alles beeinflussen.

 

Oder ein Beispiel aus meiner Coaching-Praxis:
Ein Klient verfällt ins Schweigen, und genau in dieser Stille fällt das fehlende Puzzlestück in seinen Gedanken. Kein Eingreifen von mir nötig.

 

Diese Haltung – Zuhören, Beobachten, Raum geben – funktioniert sowohl im Hundetraining als auch im Coaching.

 

Viktor Frankl, österreichischer Neurologe, Psychiater, und Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, beschreibt es so:

 

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“

 

Dieser Raum ist oft nur einen Atemzug breit. Und doch entscheidet er darüber, ob wir reagieren oder bewusst handeln.

 

Im Hundetraining bedeutet das nicht nur, dem Hund diesen Raum zu lassen.

Es bedeutet auch, ihn dem Menschen zu lassen, der vor uns steht.

 

In der Hundetrainerausbildung geht es um Lerntheorien, Trainingspläne und Methodik.

Was wir seltener lernen, ist Haltung.

  •    Wie begleite ich einen Hundehalter, der unsicher ist?
  •    Wie reagiere ich, wenn Frust beim Menschen aufkommt?
  •    Wie bleibe ich klar, ohne zu bewerten?

Systemisches Arbeiten schärft genau diesen Blick: Nicht nur auf Verhalten, sondern auf Beziehung. Nicht nur auf Technik, sondern auf Wirkung.

 

Denn wir trainieren auch nicht Hunde im luftleeren Raum.

Wir arbeiten in Systemen: Mensch und Tier, Erwartungen, Erfahrungen, Emotionen.

 

Und genau dort entscheidet sich Professionalität.

 

Vielleicht beginnt sie nicht im perfekten Timing.

Sondern in der Bereitschaft, diesen Raum wahrzunehmen – bei uns selbst, beim Hund und bei dem Menschen, den wir anleiten.

 

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.

Zwischen Technik und Haltung auch.

 

Alles Liebe

Mii

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