
Es ist Wochenende. 16:30 Uhr.
Mein zweites Training für heute.
Er betritt mit seinem Junghund den Platz.
Ein Hollandse Herder. Wach. Kraftvoll. Riesig.
Der Mensch daneben ist jemand, der weiß, was er tut.
Kein Anfänger im Umgang mit Hunden.
Jemand, der im Alltag Verantwortung trägt und Entscheidungen trifft.
Wir beginnen zu arbeiten.
Eine Übung. Und noch einmal.
Dann folgt ein kurzer Blick zu mir.
„War das jetzt richtig?“
Der Ton ist vorsichtig. Fast ein bisschen suchend.
Und in diesem Moment wirkt dieser erwachsene Mensch plötzlich deutlich jünger, als er eigentlich ist.
Nicht unsicher im klassischen Sinn.
Aber irgendwie … kleiner.
Der Hund steht weiterhin neben ihm und wartet auf das nächste Signal.
Und ich merke: Der Hund ist gerade gar nicht das Spannende an dieser Situation.
Es geht hier im Moment nicht um den Hund.
Wir sind nicht immer dieselbe Person
Manchmal reagieren wir nicht als der Mensch, der wir heute sind.
Sondern als eine andere Version von uns.
- Der kleine Junge, der nichts falsch machen möchte.
- Der pubertierende Teenager, der innerlich gegen alles rebelliert.
- Die erschöpfte Zwanzigjährige, die an sich zweifelt.
- Der erwachsene Mensch, der Verantwortung trägt.
- Oder die ruhigere, ältere Version von uns, die vieles gelassener sehen kann.
All diese Anteile existieren gleichzeitig.
Nicht nacheinander.
Sondern nebeneinander.
In der systemischen Arbeit spricht man manchmal vom inneren Team.
Ein Bild, das ich sehr treffend finde.
Denn wir bestehen nicht aus einer einzigen Persönlichkeit.
Wir bestehen aus mehreren Stimmen.
Und je nach Situation tritt eine davon stärker in den Vordergrund.
Wer steht bei dir gerade im Vordergrund?
Ein inneres Team funktioniert ein bisschen wie eine Gruppe.
Nicht alle müssen gleichzeitig sprechen.
Aber irgendjemand steht im Fokus.
In der Mitte. Im Rampenlicht.
Vielleicht ist es der innere Kritiker, der sagt: „Das war nicht gut genug.“
Vielleicht der Zweifler, der fragt: „Was, wenn das alles nicht reicht?“
Vielleicht der Perfektionist, der erst zufrieden ist, wenn wirklich alles passt.
Und manchmal meldet sich auch eine ruhigere Stimme, die sagt:„Atme kurz durch. Du bist auf dem richtigen Weg.”
Keine dieser Stimmen ist per se falsch.
Sie alle haben irgendwann einmal eine Funktion gehabt.
Aber nicht jede Stimme sollte automatisch führen.
Aufmerksamkeit wirkt wie Verstärkung – auch im Kopf
Im Hundetraining kennen wir diesen Mechanismus sehr gut.
Verhalten, das Aufmerksamkeit bekommt, wird stärker.
Ein Hund, der zieht oder pöbelt, bekommt sofort Reaktion.
Der Hund, der ruhig neben uns läuft, wird schnell selbstverständlich.
Aufmerksamkeit wirkt wie ein Verstärker.
Und genau das passiert auch in unserem eigenen Kopf.
Wenn wir ständig der kritischen Stimme zuhören, wird sie stärker.
Wenn wir immer wieder den Zweifel füttern, bekommt er mehr Raum.
Nicht, weil wir es bewusst wollen.
Sondern weil unser Gehirn genau so funktioniert.
Das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird präsenter.
Oder einfacher gesagt:
Das, was wir innerlich trainieren, wird stabiler.
Führung beginnt auch im eigenen Kopf
Der Mann mit dem Hollands Herder konnte mit seinem Hund umgehen.
Er hatte Erfahrung.
Er hatte Gefühl für den Hund.
Und er hatte die körperliche Präsenz, die ein solcher Hund durchaus braucht.
Und trotzdem stand er für einen Moment da, als wäre er deutlich jünger.
Nicht, weil er es nicht konnte.
Sondern weil in diesem Moment vermutlich eine andere Stimme im inneren Team lauter war.
Vielleicht der Anteil, der nichts falsch machen möchte.
Vielleicht der Anteil, der bewertet werden könnte.
Solche Momente sehe ich nicht nur im Training.
Sondern auch in der Ausbildung von Hundetrainern.
Menschen, die fachlich viel verstanden haben.
Die erklären können, wie Lernverhalten funktioniert.
Die Trainingsaufbau logisch durchdenken.
Und dann kommt eine Prüfungssituation.
Ein Blick der Prüfer.
Eine kurze Nachfrage.
Ein kleiner Moment von Bewertung.
Und plötzlich steht nicht mehr der reflektierte Erwachsene vorne.
Sondern vielleicht der Anteil, der nichts falsch machen möchte. Oder der Anteil, der perfekt sein will.
Das Wissen ist noch da.
Aber jemand anderes aus dem inneren Team hat gerade das Mikrofon übernommen.
Jeder bringt ein anderes inneres Team mit
Das Spannende ist: Kein inneres Team sieht gleich aus.
Manche Menschen haben einen sehr starken inneren Antreiber.
Andere einen vorsichtigen Beobachter.
Wieder andere einen kritischen Perfektionisten.
Manche Anteile helfen uns enorm.
Der Antreiber sorgt dafür, dass wir dranbleiben.
Der Beobachter hilft uns, feine Signale beim Hund wahrzunehmen.
Der Perfektionist achtet auf Details.
Aber unter Druck können genau diese Stimmen auch plötzlich zu laut werden.
Gerade in Prüfungen.
Oder in Trainingssituationen, in denen wir bewertet werden.
Dann übernimmt vielleicht der Anteil, der nichts falsch machen will.
Und plötzlich wirken wir kleiner, vorsichtiger oder unsicherer, als wir eigentlich sind.
Nicht, weil wir es nicht können.
Sondern weil gerade jemand anderes im inneren Team spricht.
Vielleicht kennst du solche Momente auch
Momente, in denen du plötzlich kleiner wirkst, als du eigentlich bist.
Oder unsicherer.
Oder strenger, als du es eigentlich sein möchtest.
Vielleicht ist das gar kein Widerspruch.
Vielleicht spricht in diesen Momenten einfach jemand anderes aus deinem inneren Team.
Gerade auf dem Weg zum Hundetrainer begegnet man diesen Momenten immer wieder.
Nicht, weil Wissen fehlt. Sondern weil Lernen, Bewertung und Verantwortung viel in Bewegung bringen.
Vielleicht gehört genau das auch dazu. Nicht nur Methoden zu lernen.
Sondern sich selbst ein Stück besser kennenzulernen.
Zu merken,
welche Stimmen im eigenen Kopf besonders laut werden,
wenn Druck entsteht.
Und welche Stimme du eigentlich führen lassen möchtest.
Denn am Ende entscheidet nicht nur Wissen darüber, wie souverän wir arbeiten.
Sondern auch unsere Fähigkeit, im entscheidenden Moment bei uns selbst zu bleiben.
Wenn dich dieser Blick auf Hundetraining interessiert, könnten auch diese Gedanken spannend für dich sein:
- Wenn wir Warnsignale weglächeln – und welche Folgen das im Training haben können
- Wenn ein Satz reicht – wie Negativität unser Nervensystem aktiviert
- Dankbarkeit im Hundetraining – warum Neid uns mehr kostet, als wir denken

Kommentar schreiben