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Wenn dein Hund mehr wahrnimmt, als dir lieb ist

Wie präsent bist du wirklich mit deinen Gedanken?

Über Stress, Geruch und warum innere Ruhe nichts mit Training zu tun hat

 

Es ist Samstagmorgen, kurz nach fünf.

Ich werde wach, drehe mich von einer Seite auf die andere und merke irgendwann, dass der Körper zwar noch liegen möchte, mein Kopf aber längst da ist.

 

Also stehe ich auf.

 

Ich ziehe mir dicke Socken an, eine Winterhose, Jacke, Schal und Mütze.

Die Hunde hole ich aus dem Schlafzimmer, einer nach dem anderen. Ich lege die Halsbänder und Leuchtis an, meine Stirnlampe, schlüpfe in meine Winterschuhe und los geht es.

 

Langsam.

 

Mich hat es in dieser Woche gesundheitlich ziemlich weggerissen. Die Grippe hat mich ausgebremst, und das spüre ich bei jedem Schritt. Also laufen wir langsamer, noch ruhiger als sonst. Der Jüngere braucht zwischendurch eine kleine Erinnerung, nicht so weit nach vorne zu gehen, und auch das passiert ohne Eile.

 

Es ist 5:30 Uhr an einem Samstagmorgen.

Eine Uhrzeit, zu der sich die meisten Menschen noch einmal umdrehen, wenn sie nicht arbeiten müssen oder etwas vorhaben.

 

Für mich ist das inzwischen normal geworden. Wenn ich wach bin, stehe ich auf, gehe mit den Hunden raus und starte den Tag ohne Hektik, ohne Druck und ohne das Gefühl, schon hinterherzulaufen.

 

Früher war das anders.

 

Als Ruhe kein Luxus mehr war, sondern notwendig wurde

Früher klingelte der Wecker und alles musste schnell gehen. Anziehen, kurz mit dem Hund raus, pinkeln, kacken, weiter. Ein Termin folgte dem nächsten, und im Kopf war ich immer schon dort, wo ich noch gar nicht war.

 

Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, das bewusst zu verändern. Nicht, weil es besonders achtsam klang, in Büchern gehypt wurde oder gut aussah, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich so auf Dauer nicht gut funktioniere.

 

Ich habe festgestellt, dass ich morgens etwas brauche, das mir nicht erklärt, was ich leisten soll, sondern mir erlaubt, langsam anzukommen. Zeit, eine klare Struktur und vor allem Ruhe, bevor der Tag anfängt, an mir zu ziehen.

 

Heute habe ich meine festen Rituale. Auch unter der Woche. Vielleicht nicht immer gleich lang, vielleicht nicht immer gleich ausgeprägt, aber sie geben meinem Tag einen Rahmen. Und ich merke sehr deutlich, dass in dem Moment, in dem sich diese Struktur verschiebt, etwas in mir kippt.

 

Stress entsteht dann nicht schleichend oder irgendwann später, sondern sofort.

Und genau dieser Stress zeigt sich unmittelbar bei meinen Hunden.

 

Sie reagieren schneller, als mein Verstand hinterherkommt. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, noch bevor ich es für mich klar benennen kann.

 

Führung beginnt nicht beim Hund

Dass Hunde uns lesen können, ist kein Geheimnis. Das hört man draußen überall, und trotzdem lohnt es sich, an dieser Stelle kurz stehenzubleiben.

 

Denn Führung beginnt nicht beim Hund.

Sie beginnt bei mir.

 

Bei meiner inneren Ordnung, meiner Klarheit und der Art, wie ich in eine Situation gehe. Wenn ich selbst im Kopf durcheinander bin, von einem Gedanken zum nächsten springe und alles schnell gehen muss, wird es schwierig, jemand anderem Sicherheit zu geben.

 

Einem Hund, der unsicher ist.

Oder einem Hund, der sehr selbstbewusst ist und sagt: „Ich übernehme das jetzt hier.“

 

Führung bedeutet nicht, lauter zu werden oder mehr zu machen.

Sie bedeutet, bei sich zu bleiben.

 

Ruhig. Klar. Ansprechbar.

 

Hunde leben im Moment – wir oft nicht

Wenn du ehrlich bist: Wie oft bist du draußen unterwegs und innerlich ganz woanders? Bei dem, was noch erledigt werden muss, bei dem, was vorhin war oder bei dem, was später vielleicht kommt.

 

Hunde sind anders.

Sie sind da, jetzt, in diesem Moment, ohne innerlich schon weitergezogen zu sein.

 

Sie denken nicht darüber nach, was vor fünf Minuten war oder was später passieren könnte. Und genau hier entsteht oft eine Lücke zwischen uns. Wir sind körperlich anwesend, aber mit den Gedanken schon beim Nächsten, während der Hund vollständig im Jetzt bleibt.

 

Wenn wir als Team unterwegs sein wollen, braucht es diese gemeinsame Präsenz. Nicht perfekt und nicht dauerhaft, aber ehrlich. Denn genau dort entsteht Orientierung, gerade in herausfordernden Situationen.

 

Warum Hunde Stress riechen können

Hunde sind Makrosomatiker. Sie nehmen ihre Umwelt in erster Linie über ihre Nase wahr, und das in einer Intensität, die wir uns kaum vorstellen können.

 

Ein Hund verfügt über mehrere Millionen Riechzellen, die sich regelmäßig erneuern. Er kann mit jedem Nasenloch getrennt riechen, Gerüche unterscheiden, einordnen und verfolgen. Vielleicht ist dir schon einmal aufgefallen, dass Hunde bei einer Spur nie dorthin laufen, wo ein Tier herkam, sondern immer in die Richtung, in die es gegangen ist.

 

Gerade im Winter, im Schnee, werden Gerüche besonders gut gespeichert und bleiben lange präsent.

 

Und jetzt kommt der Punkt, der für uns entscheidend ist:

Hunde riechen nicht nur andere Tiere. Sie riechen auch uns.

 

Hormonelle Veränderungen, innere Unruhe und Stress gehören genauso dazu. Oft nehmen sie das wahr, noch bevor wir selbst klar benennen können, was gerade mit uns los ist. Wenn du gestresst oder unsicher bist, wenn dein Nervensystem auf Alarm steht, kommt diese Information beim Hund an – nicht über Worte oder Signale, sondern über das, was du unbewusst mitbringst.

 

Was das mit dir zu tun hat

Hier geht es nicht um Training, Techniken oder Methoden.

Hier geht es um Selbstwahrnehmung.

 

Wie präsent bist du wirklich, wenn du mit deinem Hund unterwegs bist? Schaffst du es, bei einer Sache zu bleiben, oder schweifen deine Gedanken sofort ab?

 

Probier es aus.

 

Setz dich hin, mach dir einen Tee oder einen Kaffee und trink ihn bewusst. Ohne Handy, ohne Planung, ohne innere To-do-Liste. Beobachte einfach, was passiert, ohne etwas verändern zu wollen.

 

Nicht, um besser zu werden.

Sondern um dich selbst wahrzunehmen.

 

Denn genau diese innere Haltung nimmst du mit nach draußen. Und genau sie ist es, die dein Hund liest: jeden Tag, bei jedem Spaziergang.

 

Vielleicht beginnt Führung genau dort.

Nicht im Außen, sondern in diesem stillen Moment, in dem du wirklich da bist.

 

Und vielleicht ist genau das keine Lösung, sondern ein Weg.

Eine Reise, die nicht perfekt sein muss, nur ehrlich.

 

Für dich.

Und damit auch für deinen Hund.

 

Vielleicht nimmst du diesen Gedanken mit in deine nächste Runde.

Nicht, um etwas zu verändern, sondern um wahrzunehmen, was da ist.

 

In diesem Blog teile ich regelmäßig Erfahrungen, Reflexionen und fachliche Zusammenhänge rund um Hundetraining, innere Haltung und systemisches Denken.

Ruhig, ehrlich und ohne schnelle Lösungen.

 

Wenn du magst, geh den Weg ein Stück mit.

 

Alles Liebe

deine Mii

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